Das Endocannabinoid System

Michael Saurug
16. Dezember 2019

Das Endocannabinoid-System ist ein Bestandteil des Nervensystems des Menschen und wird auch als endogenes Cannabinoid-System bezeichnet. “Endogen” bezeichnet alle Vorgänge, die im Inneren des Körpers passieren. 

Die wichtigsten Bestandteile des Systems sind die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 und körpereigene Cannabinoide, die ihre Wirkung durch Andocken an die Rezeptoren entfalten können. Beim Marihuana-Konsum dockt der Wirkstoff, in dem Fall extern zugeführtes THC, an die Rezeptoren an und setzt seine Wirkung frei. 

 

Bauplan des Endocannabinoid-Systems

Die Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems befinden sich an unterschiedlichen Stellen im Körper und beeinflussen verschiedene Körperfunktionen und -prozesse. 

Die CB1-Rezeptoren sind hauptsächlich im Gehirn und Verdauungstrakt zu finden. Sie sind ausschlaggebend für Gedächtnisleistung, kognitive Leistung, Kontrolle der Motorik, Regulation der Nahrungszufuhr und Motivation. CB1-Rezeptoren beeinflussen den Hypothalamus, der für die Regulierung von Appetit verantwortlich ist, die Amygdala, ein Kerngebiet des Gehirns, das für die Gedächtnisleistung und Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. CB1-Rezeptoren kann man auch an den Nervenenden finden, wo sie die Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen beeinflussen können. 

CB2-Rezeptoren sind etwas weniger gut erforscht als CB1-Rezeptoren, mit Sicherheit kann man allerdings sagen, dass sie vor allem in Immunzellen, im Magen-Darm-Trakt und im peripheren Nervensystem vorkommen. Sie sind verantwortlich für das Einwirken auf das Immunsystem und in weiterer Folge für die Immunabwehr gegenüber Krankheiten. 

Das Endocannabinoidsystem des Menschen
Das Endocannabinoidsystem des Menschen

 

Medizinische Wirkung des Endocannabinoid-Systems

Endocannabinoide wirken vielfältig auf Geist und Körper des Menschen ein. Bei Menschen mit Angstzuständen, Depressionen und Stress können sie helfen negative Gedanken zu löschen und wirken somit stimmungsaufhellend. Endocannabinoide spielen auch bei der Regulierung des Appetits eine große Rolle. Eines der wichtigsten Cannabinoide, das Anandamid (vom griechischen Wort ananda abstammend = Freude/Glück) sorgt dementsprechend für Glücksgefühle und kann bei der Nahrungsaufnahme für ein gesteigertes Genussempfinden sorgen. 

Glücksgefühle durch CBD
Glücksgefühle durch CBD

Dem Endocannabinoid Anandamid wird aber auch noch die wichtige Funktion der Beeinflussung des Hormonhaushalts und der Fortpflanzung zukommen. Zum Beispiel kann es zu einer gesunden Einnistung des Embryos am Anfang der Schwangerschaft in die Zellwände der Gebärmutter beitragen. 

 

Endocannabinoide und Cannabinoide

Die CB1 und CB2-Rezeptoren werden durch Endocannabinoide und Cannabinoide aktiviert. Erstere sind Cannabinoide, die im Körper innerhalb von Körperfettsäuren produziert werden. Sie sind den Cannabinoiden der Pflanzen sehr ähnlich, haben aber eine andere Zusammensetzung. 

Cannabinoide, die exogen, also von außen zugeführt werden, können ebenso mit dem Endocannabinoid-System kommunizieren. Beispiele sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Durch Aufnahme dieser Botenstoffe passiert auch eine Reaktion und verschiedene psychische und physiologische Effekte treten ein. Exogene Cannabinoide aktivieren das Endocannabinoid-System stärker als die körpereigenen und verbleibt auch länger im Körper. 

THC kann, laut Forschung, an beide Rezeptoren, CB1 und CB2, gleich wie Endocannabinoide, andocken. Seine Wirkungen sind nachweislich aber mehr als ein Rauschzustand: es ist wissenschaftlich bewiesen, dass THC bei chronischen Schmerzen, Übelkeit, Asthma und sogar in der Krebsbehandlung erfolgreich Anwendung findet. 

CBD auf der anderen Seite, beeinflusst nur bestimmte Rezeptoren, und funktioniert als Hemmstoff für das Enzym FAAH, das für den Abbau von Anandamid verantwortlich ist. In weiterer Folge kommt es zu einer Anreicherung von Anandamid im Gehirn. Somit dockt CBD nicht direkt an den Rezeptor an, sondern bringt den Körper dazu, mehr eigene Cannabinoide zu nutzen und somit den Effekt zu verstärken. 

Während THC hauptsächlich als psychologisch wirksam betrachtet wird, hält man CBD für physiologisch wirksam, was bedeutet, dass es Auswirkungen auf den Organismus hat und dadurch auch bei teils schweren Erkrankungen eingesetzt wird. Die Effekte von CBD sollen von Hemmung des Wachstums von Tumoren über Linderung von Entzündungen bis hin zu positiven Effekten bei Epilepsie, Schizophrenie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vielen mehr reichen. 

(Endo)cannabinoide können unter anderem eine appetitanregende Wirkung haben und werden deshalb auch synthetisch hergestellt und als Medikament gegen Übelkeit bei Chemotherapien und als Appetitanreger für AIDS-Patienten verwendet. 

 

Die Wirkung von THC auf das Endocannabinoid-System

Wie vorhin beschrieben, wirkt THC sowohl auf CB1 als auch auf CB2-Rezeptoren. Es übt Einfluss auf das System aus, genauso wie es Endocannabinoide vermögen mit dem Unterschied, dass THC sehr viel länger im synaptischen Spalt bleibt, also dort wo Botenstoffe Signale an Nervenzellen weiterleiten. 

Der Konsum von THC führt in weiterer Folge zu der Bildung von Dopamin, einem Nervenbotenstoff, der auch motivations- und antriebssteigernde Effekte besitzt. Welche psychoaktiven Wirkungen letztendlich durch THC ausgelöst werden, hängt stark von der Person und der konsumierten Menge THC ab. Dabei kann es zu teils entgegengesetzten Effekten kommen: einerseits kann THC Glücksgefühle auslösen, in manchen Fällen aber auch Angstzustände. Je häufiger man seine CB1 Rezeptoren dabei durch die exogene Zufuhr von Botenstoffen, sprich THC, aktiviert, desto weniger empfindlich können sie werden – die Entwicklung einer Toleranz ist möglich. 

Die Beeinflussung der CB1-Rezeptoren durch THC führt auch zu einer Beeinflussung des Gedächtnis, insbesondere des Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis und die allgemeine Informationsverarbeitung. Personen, die unter starkem THC-Einfluss stehen, weisen eine verminderte Gedächtnisleistung und Informationsaufnahme. Fortgesetzter Konsum führt zu immer geringerer Gedächtnisleistung, die sich allerdings nach Abstinenzphasen wieder erholen kann. 

Besonders in der Pubertät und im Wachstum wird der chronische Konsum von THC als kritisch angesehen. Da sich das Gehirn in diesen Jahren noch in der Wachstums- und Ausprägungsphase befindet, kann der vermehrte und chronische Konsum von THC zu permanenten kognitiven Schäden führen. Ein weit verbreitetes Problem und Teufelskreis ist der Marihuanakonsum unter Jugendlichen, die großem Stress unterliegen. Schule, die Pubertät, komplizierte Familienverhältnisse etc. üben großen Druck auf Jugendliche aus. 

Rauchen von THC als Flucht vor dem Alltag
Rauchen von THC als Flucht vor dem Alltag

Als Entspannungsmaßnahme und um durch ein High dem Alltag zu entfliehen, greifen viele zum Joint. Dadurch wird über längere Dauer nicht nur eine Abhängigkeit erreicht, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit und das Merkvermögen negativ beeinflusst. Dadurch wird in weiterer Folge auch die Leistung, besonders in der Schule, nachlassen. Das wiederum führt zu mehr Stress, dem Wunsch nach Entspannung und erneutem Marihuanakonsum. Der Teufelskreis schließt sich. 

 

Zusammenfassung

Eine interessante Erkenntnis zum Schluss: es ist wissenschaftlich belegt, dass Patienten mit teils schweren und chronischen Erkrankungen wie etwa Parkinson oder Arthritis erhöhte Endocannabinoid-Werte haben. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass das Endocannabinoid-System natürlicherweise dafür sorgen will, das innere Gleichgewicht des Körpers herzustellen. 

Durch gezielte endogene Beeinflussung kann man eigentlich natürlich Reaktionen und Effekte gezielt herbeiführen oder verstärken. Dabei ist zu beachten, dass jeder Mensch anders reagieren kann und die Dosis entscheidend ist. 

 

 

Quellenangabe:

  • Mechoulam, R. & Parker, L. (2013). The Endocannabinoid System and the Brain. Annual Review of Psychology, 64, 21-47.
  • Mechoulam, R., The pharmacohistory of Cannabis sativa. In: Cannabinoids as Therapeutic Agents (R.Mechoulam, Ed.), CRC Press, Boca Raton, FL (1986) 1-19.
  • Moreira, F. A. & Lutz, B. (2008). The endocannabinoid system: emotion, learning and addiction. Addiction Biology, 13, 196-212.PDF
  • Devane, W.A., Hanus, L., Breuer, A. et al. Isolation and structure of a brain constituent that binds to the cannabinoid receptor. Science 258 (1992) 1946-1949
  • E. B. Russo: Beyond Cannabis: Plants and the Endocannabinoid System. In: Trends in pharmacological sciences. Band 37, Nummer 7, Juli 2016.
  • Rodríguez de Fonseca, F., del Arco, I., Bermudez-Silva, F. J., Bilbao, A., Cippitelli, A. & Navarro, M. (2014). The Endocannabinoid System: Physiology and Pharmacology. Alcohol and Alcoholism, 40(1), 2-14.
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